WIR SIND DIE FLUT

Vor 15 Jahren ist vor der Küste von Windholm das Meer verschwunden. Es zog sich zurück und fortan blieb die Flut aus. Ohne erkennbaren Grund, einfach so. Seither liegt diese Anomalie wie ein Fluch auf der Umgebung, wirft Fragen auf, bereitet Unbehagen. Jana und Micha, zwei junge Physiker, machen sich auf den Weg, dem rätselhaften Phänomen auf den Grund zu gehen.

 

In Windholm angekommen, werden sie in den Bann einer vereinsamten Dorfgemeinschaft ohne Kinder gezogen. Seit Jahren versuchen die Leute damit fertig zu werden, dass an dem Tag, als die Flut nicht mehr kam, auch ihre Kinder verschwanden. Lange wurde nach ihnen gesucht, bis man sie irgendwann für ertrunken erklärte. Nach und nach befällt Jana und Micha die Ahnung, dass es kein Zufall ist, dass ausgerechnet sie beide nach Windholm gekommen sind.

 

Hatten sie überhaupt eine Wahl? Oder wurden sie dazu bestimmt? Und wonach suchen sie eigentlich? Stück für Stück kommen die beiden nicht nur einem großen Geheimnis auf die Spur, sondern müssen auch entdecken, wie sie selbst in die Geschichte von Windholm verstrickt sind.

Spiegel Online schreibt:

 

Ebbedrama "Wir sind die Flut"

Grenzenloses Grau

 

Seit 1994 ist in Windholm Ebbe. Mit dem Wasser sind auch die Kinder des Dorfes verschwunden. Der Regie-Debütant Sebastian Hilger spinnt darum ein Drama, das die Vorstellung von Nähe und Distanz neu auslotet.

Auch der Stillstand ist im Kino Bewegung. Dass in Windholm, einem fiktiven Dorf an der deutschen Nordsee, die Zeit stehen geblieben ist, kann man an den schwerfälligen Bewegungen seiner Bewohner ablesen. An den Haaren, die nicht mehr gewaschen zu werden scheinen und die sie sich aus dem Gesicht wischen. An den Gebäudefassaden, von denen mit der Zeit der Putz bröselte.

 

Seit einem Tag im April 1994 folgt dort auf die Ebbe keine Flut mehr. Hinter dem Dorf weitet sich das Watt unter trübem Himmel bis an den Horizont; keine definierte Linie, eher eine nebulöse Übergangszone vom einen Grau ins andere. Vor über zwanzig Jahren verschwanden mit der Flut mysteriöserweise auch die Kinder des Ortes. Mittlerweile hat sich der einstige Horror dieser Gravitationsanomalie zur nüchtern-akademischen Rechengrübelei entschärft.

 

An der Humboldt-Universität Berlin gibt es ein Forschungskolleg, das sich mit der rätselhaften Abweichung beschäftigt, auch wenn dort im Grunde nicht gearbeitet zu werden scheint. Nur Micha (Max Mauff), ein Doktorand des Forschungsbereichs, will dem Ganzen noch auf die Spur kommen. Sein Ansatz ist ein methodischer Zweifel an der Naturgesetzlichkeit naturgesetzlicher Konstanten. Also genau das, was man revolutionär nennen kann und womit die bequeme Professorenelite in Ruhe gelassen werden will.

 

"Wir sind die Flut" - ein Titel, der einen programmatischen Sound bekommt, wenn man bedenkt, dass es sich hier um den Diplomfilm von insgesamt sieben Filmstudenten handelt - feierte in der diesjährigen Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino Premiere. In diese Programmschiene passt er aus demselben Grund hinein, aus dem er auch aus ihr heraussticht. Es gibt im jungen deutschen Kino nämlich eine erkennbare Tendenz zur Paraphrase. Quentin Tarantino ist einer dieser Regisseure, dessen Stilistik gerne blaugepaust wird, die Autoren der Berliner Schule sind andere.